Vor
150 Jahren gegründet
Die Uhrenmacherschule zu Furtwangen
von Helmut Kahlert
(Seite 2/2)
Die Schüler ("Zöglinge")
verbrachten gut 75 Prozent ihrer Ausbildungszeit in den Werkstätten,
knapp 25 Prozent in der in aufsteigende Klassen gegliederten Gewerbeschule.
Voraussetzung für die Aufnahme waren 14 Jahre Mindestalter
und gute Volksschulbildung, was allerdings, besonders bei Bewerbern
aus kleinen Dörfern, nicht immer eingehalten werden konnte.
Schulgeld wurde nicht erhoben.
Angesetzt waren für die Ausbildung drei Jahre, doch die tatsächliche
Verweildauer lag im Durchschnitt unter zwei Jahren. Im Schuljahr
1851/52 war die Werkstätte für Taschenuhrmacher mit
18 Schülern voll ausgelastet, die Werkstätte für
Stockuhrmacher (federgetriebene Uhren) mit 17 nahezu. Das Personal
umfaßte im gleichen Zeitraum insgesamt zwölf Personen,
darunter vier Werkstattlehrer und drei Lehrer der Gewerbeschule,
für Technik, für Gestaltung sowie für
Wirtschaft und Fremdsprachen.
Im Jahre 1857 wurde Robert Gerwig,
auf sein Drängen hin, vom Amt des Schulleiters entbunden.
Ihn beschäftigte in dieser Zeit bereits die Planung der Schwarzwald-Eisenbahn,
die ihn berühmt machen sollte. Die Uhrmacherschule wurde
organisatorisch neu gegliedert, aber auch von der Zielsetzung
her verändert. Während anfangs die wöchentliche
Ausbildungszeit bei 62 Stunden lag, wurden später in der
Taschenuhrmacherei 66 Stunden üblich, die Zahlen bei den
Stockuhrmachern lagen noch darüber.
Im Zeitraum zwischen 1850 und
1857 hätte auch ein moderner Pädagoge die Schule eindeutig
als Berufsfachschule gekennzeichnet, für die folgenden Jahre
paßt eher der Begriff wirtschaftsnahe Lehrwerkstätte.
Ferien hat es an der Uhrmacherschule nie gegeben, "weil sich
solche für den künftigen, an Tätigkeit zu gewöhnenden
Geschäftsmann und Arbeiter nicht eignen." Frei war nur,
wie damals allgemein üblich im Schwarzwälder Uhrengewerbe,
der Samstag vor Ostern, die Schlußwoche des Jahres, zudem
Kirchweih und Fasnacht.
Zum Jahresende 1863 schloß die Uhrmacherschule ihre Pforten.
Das zuständige Handelsministerium vertrat die Meinung, daß
die Zahl der bisher ausgebildeten "Zöglinge" ausreiche,
dem Uhrengewerbe neue Impulse zu geben. Auch Zeitgenossen folgen
dieser Ansicht, nur die Taschenuhren hätte man gerne weiterhin
gefördert gesehen. Doch selbst dann, das wird im Rückblick
erkennbar, hätte die Schwarzwälder Taschenuhr keine
Chance gehabt, mit anderen Ländern zu konkurrieren. Es gab
Widerstände gegen eine weit getriebene Arbeitsteilung, es
fehlte an geeigneten Zulieferbetrieben, doch das Hauptproblem
war der Absatz.
Taschenuhren ließen sich
nicht so leicht auf Jahrmärkten verkaufen wie die Schwarzwälder
Stubenuhren. Darüber hinaus wurde der Markt beherrscht von
schweizerischen und englischen Fabrikaten.
Enttäuschungen über die Verkaufsergebnisse badischer
Teilnehmer an Weltausstellungen, besonders in Wien 1873 und in
Philadelphia 1876, haben in Verbindung mit einem Fachgutachten
dazu geführt, vom Jahr 1877 an die Furtwanger Uhrmacherschule
weiterzuführen, allerdings hinsichtlich Personal und Ausstattung
in weitaus bescheidenerem Rahmen als anno 1850. An eine Taschenuhrfertigung
für den Markt dachte allerdings niemand mehr.
Seit dem Jahre 1910 firmierte
die Schule offiziell als Fachschule für Uhrmacherei und Feinmechanik,
es wurden jetzt nicht nur Lehrlinge ausgebildet, sondern auch
Werkmeister und Konstrukteure. Wer sich heute in Furtwangen nach
der alten Uhrmacherschule erkundigt, wird auf zwei bedeutende
Bildungseinrichtungen stossen, auf ein breit gegliedertes berufliches
Schulsystem, das den Namen Robert-Gerwig-Schule trägt, und
auf eine Fachhochschule, an der Technik, Informatik oder Wirtschaft
studiert werden können.
(mit freundlicher Genehmigung
des Verlages
"Lahrer Hinkenden Boten").
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